Jubel, Trubel, Heiserkeit
Die HU feiert sich selbst aus Anlass des 200jährigen Bestehens einer Universität in Berlin.
Hier ist das Grußwort von Silvia Gruß, Vertreterin der Studierendenschaft, anlässlich des Festaktes am Montag dem 12.10.2009:
Guten Tag und HHHHUUUUUU200!
Nanu werden Sie denken, was macht denn hier eine junge Frau auf der Bühne?! Die bringt weder Blumen oder Sekt, noch sagt sie den nächsten Programmpunktan an, nein sie will richtig reden - zu allen. Höchst verdächtig werden Sie denken: Obliegt diese Aufgaben zu Jubiläumsfeierlichkeiten nicht eher respektablen, weitgereisten, älteren Herren mit einer ehrfurchterregenden Sammlung akademischer Leistungs- und Ehrentitel? Vielleicht werden sie noch mal auf Ihr Programm schielen und feststellen - ja, wir sind noch immer bei den Grußworten. Wohlan: Es grüßt Sie Silvia Gruß stellvertretend für die größte Mitgliedergruppe der Universität – Also, schöne Grüße von den Studierenden!
Diese HU200 kommt mir als schöne Tradition schon ein wenig komisch vor - an der altehrwürdigen Alma Mater Berlolinensis von 1810 hatten ja Frauen - genauso wie Juden, totz ihrer enormen Bedeutung für das kulurelle und bildungsbürgerliche Leben dieser Stadt - nichts zu suchen.
Indem ich hier stehe und Sie begrüße, kann ich schon nicht in der Tradition der preußischen Bildungsinstitution von 1810 stehen. Frauen wurden an der Berliner Universität nämlich erst 1909 zum Studium zugelassen. Für hartnäckige Kritiker des Frauenstudiums bedeutete dies gewiss den Untergang der Ordinarienuniversität. Ich begrüße Sie daher zur HU100.
Sie sehen schon, wir werden immer jünger und das soll das Ende nicht sein, denn habilitieren durften Frauen erst 1919 - also HU90. Bevor jedoch eine Frau auf einen Lehrstuhl berufen werden konnte, musste schon der Krieg verloren und die Kommunisten in den Magistrat der Stadt eingezogen sein. Wir schreiben das Jahr 1946 - nicht lange und die Berliner Universität wird sich, nicht zuletzt auch durch repressive Ausscheidung, an den gegensätzlichen Interessenlagen und Wissenschaftserwartungen des heraufziehenden Kalten Krieges in eine "freie" und eine "antifaschistische" Universität spalten. Der in der sowjetischen Besatzungszone verbliebene Teil versuchte nun an Traditionen anzuknüpfen, die als Wegbereiter und positiv konnontierbares "Erbe" gleichermaßen dienen können. Die von wissenschaftlichem Fortschrittsglauben und libertärem Reformgeist inspirierten Bürgerkinder mit dem Adelstitel von Humboldt kamen da als Namenspatronen gerade recht - auch weil sie nie ordentliche Mitglieder der untergegangenen Universität hatten werden dürfen. Zu sehen an den Standplätzen ihrer Denkmäler vor dem Zaun der Universität - wohlgemerkt VOR dem Zaun! Willkommen an der HU60!
60 Jahre sind doch auch eine lange Zeit, immerhin drei bis vier Lehrstuhl- und ca. 12 StudentInnengenerationen. Ob die so genannte Humboldt-Universität noch antifaschistisch ist? Nunja, als Verfasste Studierendenschaft geben wir uns jedenfalls Mühe - gelernt vor allem aus der Verantwortung für die eigene Geschichte.
Frei von Diskriminierung ist die Uni heute noch immer nicht. Das ist nicht allein ihr Verschulden. Soziale Umwälzungsprojekte wie ArbeiterInnen- und Bauernfakultäten gibt es nicht mehr, es herrscht der Numerus clausus der Besten - überwiegend aus besseren Haushalten. MigrantInnen DÜRFEN in den meisten Fällen schon aus ausländerrechtlichen Gründen nicht studieren, obwohl sie könnten und wollten und sollten. Diskriminierung ist aber auch hausgemacht. Sie kommt noch oft genug in der Lehre und Forschung vor - damit meine ich nicht nur bei Prüfungs- und Auswahlentscheidungen, nicht selten sind es die Inhalte selbst, die strukturell diskriminierende Denksysteme unreflektiert fortschreiben.
Slogans ausgegeben, wie "Auf die Köpfe kommt es an" schlagen in die gleiche Kerbe. Die Lebens-, Arbeits-, Beschäftigungs- und Studienbedingungen der Menschen geraten aus dem Blick. Diskriminierung findet aber auch statt, wenn die Aufbau- und Arbeitsleistung von MitarbeiterInnen in Abrede gestellt werden, die schon ihr gesamtes Berufsleben in dieser Hochschule verbracht haben. So geschehen als der Universitätspräsident zum gnadenvoll verpatzten Exzellenzwettbewerb erklärte: Es sei kein Wunder, dass die Voraussetzungen an der FU besser seien, schließlich musste nach der Wende an der HU alles neu erschaffen werden. Willkommen zu HU20.
Einen Präsidenten gibts hier übrigens erst, seit dem sich die Akademische Selbstverwaltung der Universität auf der Grundlage einer Erprobungsklausel im Hochschulgesetz eine eigene Verfassung gegeben hat. Hier hätte die historische Möglichkeit bestanden, allem Standesdünkel zum Trotz, durch die Einführung der Viertelparität in dem für die Wahl der Hochschulleitung zuständigen Organ, die umgedrehte Repräsentationspyramide einer im Kern noch immer ordinär ordinarienhaften Universität zumindest rechnerisch zu überwinden. Dafür fehlten jedoch zwei Stimmen - willkommen zu HU10.
Schon damals, nur neun Jahre nach ihrer Gründung wurde den Studierenden klar vorgeschrieben, was studiert werden dürfe und was nicht. In Folge der Karlsbader Beschlüsse herrschte ein repressiv-antiliberales Universitätsgesetz, mit dem die Studierenden diszipliniert, kontrolliert und auf die Ausbildung zu Kirchen- und Staatsbediensteten reduziert werden sollte. Die Ministerialbürokratie führte erstmalig verbindliche Studienordnungen ein. Heute geht ein Gespenst Namens Bologna um. Die alten Diplom- und Magisterordnungen wurden aus dem Curriculum gefegt. Die eingeführten BA-/MA-Abschlüsse haben für den Wunsch nach einem freien und selbstbestimmten Studium die gleiche Wirkung entfalten können wie die Karlsbader Beschlüsse für die Vision von gleichen Bürgerrechten. Nur ist Bologna weitaus effektiver: Studierendenvereinigungen müssen nicht verboten werden, um ihre Tätigkeiten und studentisches Interesse an allen möglichen gesellschaftlichen und fachlichen Fragen unmöglich zu machen. Ein hoher "Workload", Anwesenheitspflichten, Literaturlisten, prüfungsvorbereitende Studiennachweisleistungen und übervolle Stundenpläne reichen völlig aus. Ausgebildet wird freilich nicht mehr vorrangig für Staat und Kirchen... das Bildungsproletariat von morgen grüßt die ArbeitgeberInnen - vielleicht haben sie ja noch einen Praktikumsplatz für den einen oder die andere? Willkommen an der HU6!
So viel Jubiläum war lange nicht. Zur Einführung des Frauenstudiums hat sich die HU übrigens im letzten Jahr etwas ganz besonderes überlegt: eine würdigende Widmung. Da Häuser gerade keine neuen Namen brauchten, wurde das virtuelle Prüfungssystem der Universität nach der ersten immatrikulierten Studentin benannt. Warum auch nicht - die Erstimmatrikulierte war immerhin Pädagogin. Wer nun aber das Zahn-Harnack-System für Studien- und Prüfungsorganisation erwarten würde, liegt weit daneben. Häuser mögen Grimm-Zentrum, Böckhhaus oder Hegelbau heißen. An die Erstimmatrikulierte wird schlicht mit ihrem Vornamen gedacht: Agnes.
Es mag sich um eine historische Fußnote handeln. Aber die Modularisierung hat das Studium zu einem gigantischen Lern- und Prüfungsapparat aufgebläht und macht Lebensumstände wie Arbeit, Kinder, Krankheiten, selbstbestimmtes Studium oder auch Freizeit zum Ausschlusskriterium. Vor diesem Hintergrund erscheint es sehr passend, dass das Prüfungssystem AGNES genau so heißt wie der Evaluationsbericht des BKA-Referat KI 15: "Auswirkungen gesetzlicher Neuregelungen auf die Ermittlungspraxis der Strafverfolgungsbehörden" (kurz: AGNES)
Wir könnten, wir sollten aus der Geschichte lernen, mag sein. Die Zukunft beginnt jetzt, in Modul 2a mit Anwesenheitspflicht. Guten Tag.
Hier ist das Grußwort von Silvia Gruß, Vertreterin der Studierendenschaft, anlässlich des Festaktes am Montag dem 12.10.2009:
Guten Tag und HHHHUUUUUU200!
Nanu werden Sie denken, was macht denn hier eine junge Frau auf der Bühne?! Die bringt weder Blumen oder Sekt, noch sagt sie den nächsten Programmpunktan an, nein sie will richtig reden - zu allen. Höchst verdächtig werden Sie denken: Obliegt diese Aufgaben zu Jubiläumsfeierlichkeiten nicht eher respektablen, weitgereisten, älteren Herren mit einer ehrfurchterregenden Sammlung akademischer Leistungs- und Ehrentitel? Vielleicht werden sie noch mal auf Ihr Programm schielen und feststellen - ja, wir sind noch immer bei den Grußworten. Wohlan: Es grüßt Sie Silvia Gruß stellvertretend für die größte Mitgliedergruppe der Universität – Also, schöne Grüße von den Studierenden!
Diese HU200 kommt mir als schöne Tradition schon ein wenig komisch vor - an der altehrwürdigen Alma Mater Berlolinensis von 1810 hatten ja Frauen - genauso wie Juden, totz ihrer enormen Bedeutung für das kulurelle und bildungsbürgerliche Leben dieser Stadt - nichts zu suchen.
Indem ich hier stehe und Sie begrüße, kann ich schon nicht in der Tradition der preußischen Bildungsinstitution von 1810 stehen. Frauen wurden an der Berliner Universität nämlich erst 1909 zum Studium zugelassen. Für hartnäckige Kritiker des Frauenstudiums bedeutete dies gewiss den Untergang der Ordinarienuniversität. Ich begrüße Sie daher zur HU100.
Sie sehen schon, wir werden immer jünger und das soll das Ende nicht sein, denn habilitieren durften Frauen erst 1919 - also HU90. Bevor jedoch eine Frau auf einen Lehrstuhl berufen werden konnte, musste schon der Krieg verloren und die Kommunisten in den Magistrat der Stadt eingezogen sein. Wir schreiben das Jahr 1946 - nicht lange und die Berliner Universität wird sich, nicht zuletzt auch durch repressive Ausscheidung, an den gegensätzlichen Interessenlagen und Wissenschaftserwartungen des heraufziehenden Kalten Krieges in eine "freie" und eine "antifaschistische" Universität spalten. Der in der sowjetischen Besatzungszone verbliebene Teil versuchte nun an Traditionen anzuknüpfen, die als Wegbereiter und positiv konnontierbares "Erbe" gleichermaßen dienen können. Die von wissenschaftlichem Fortschrittsglauben und libertärem Reformgeist inspirierten Bürgerkinder mit dem Adelstitel von Humboldt kamen da als Namenspatronen gerade recht - auch weil sie nie ordentliche Mitglieder der untergegangenen Universität hatten werden dürfen. Zu sehen an den Standplätzen ihrer Denkmäler vor dem Zaun der Universität - wohlgemerkt VOR dem Zaun! Willkommen an der HU60!
60 Jahre sind doch auch eine lange Zeit, immerhin drei bis vier Lehrstuhl- und ca. 12 StudentInnengenerationen. Ob die so genannte Humboldt-Universität noch antifaschistisch ist? Nunja, als Verfasste Studierendenschaft geben wir uns jedenfalls Mühe - gelernt vor allem aus der Verantwortung für die eigene Geschichte.
Frei von Diskriminierung ist die Uni heute noch immer nicht. Das ist nicht allein ihr Verschulden. Soziale Umwälzungsprojekte wie ArbeiterInnen- und Bauernfakultäten gibt es nicht mehr, es herrscht der Numerus clausus der Besten - überwiegend aus besseren Haushalten. MigrantInnen DÜRFEN in den meisten Fällen schon aus ausländerrechtlichen Gründen nicht studieren, obwohl sie könnten und wollten und sollten. Diskriminierung ist aber auch hausgemacht. Sie kommt noch oft genug in der Lehre und Forschung vor - damit meine ich nicht nur bei Prüfungs- und Auswahlentscheidungen, nicht selten sind es die Inhalte selbst, die strukturell diskriminierende Denksysteme unreflektiert fortschreiben.
Slogans ausgegeben, wie "Auf die Köpfe kommt es an" schlagen in die gleiche Kerbe. Die Lebens-, Arbeits-, Beschäftigungs- und Studienbedingungen der Menschen geraten aus dem Blick. Diskriminierung findet aber auch statt, wenn die Aufbau- und Arbeitsleistung von MitarbeiterInnen in Abrede gestellt werden, die schon ihr gesamtes Berufsleben in dieser Hochschule verbracht haben. So geschehen als der Universitätspräsident zum gnadenvoll verpatzten Exzellenzwettbewerb erklärte: Es sei kein Wunder, dass die Voraussetzungen an der FU besser seien, schließlich musste nach der Wende an der HU alles neu erschaffen werden. Willkommen zu HU20.
Einen Präsidenten gibts hier übrigens erst, seit dem sich die Akademische Selbstverwaltung der Universität auf der Grundlage einer Erprobungsklausel im Hochschulgesetz eine eigene Verfassung gegeben hat. Hier hätte die historische Möglichkeit bestanden, allem Standesdünkel zum Trotz, durch die Einführung der Viertelparität in dem für die Wahl der Hochschulleitung zuständigen Organ, die umgedrehte Repräsentationspyramide einer im Kern noch immer ordinär ordinarienhaften Universität zumindest rechnerisch zu überwinden. Dafür fehlten jedoch zwei Stimmen - willkommen zu HU10.
Schon damals, nur neun Jahre nach ihrer Gründung wurde den Studierenden klar vorgeschrieben, was studiert werden dürfe und was nicht. In Folge der Karlsbader Beschlüsse herrschte ein repressiv-antiliberales Universitätsgesetz, mit dem die Studierenden diszipliniert, kontrolliert und auf die Ausbildung zu Kirchen- und Staatsbediensteten reduziert werden sollte. Die Ministerialbürokratie führte erstmalig verbindliche Studienordnungen ein. Heute geht ein Gespenst Namens Bologna um. Die alten Diplom- und Magisterordnungen wurden aus dem Curriculum gefegt. Die eingeführten BA-/MA-Abschlüsse haben für den Wunsch nach einem freien und selbstbestimmten Studium die gleiche Wirkung entfalten können wie die Karlsbader Beschlüsse für die Vision von gleichen Bürgerrechten. Nur ist Bologna weitaus effektiver: Studierendenvereinigungen müssen nicht verboten werden, um ihre Tätigkeiten und studentisches Interesse an allen möglichen gesellschaftlichen und fachlichen Fragen unmöglich zu machen. Ein hoher "Workload", Anwesenheitspflichten, Literaturlisten, prüfungsvorbereitende Studiennachweisleistungen und übervolle Stundenpläne reichen völlig aus. Ausgebildet wird freilich nicht mehr vorrangig für Staat und Kirchen... das Bildungsproletariat von morgen grüßt die ArbeitgeberInnen - vielleicht haben sie ja noch einen Praktikumsplatz für den einen oder die andere? Willkommen an der HU6!
So viel Jubiläum war lange nicht. Zur Einführung des Frauenstudiums hat sich die HU übrigens im letzten Jahr etwas ganz besonderes überlegt: eine würdigende Widmung. Da Häuser gerade keine neuen Namen brauchten, wurde das virtuelle Prüfungssystem der Universität nach der ersten immatrikulierten Studentin benannt. Warum auch nicht - die Erstimmatrikulierte war immerhin Pädagogin. Wer nun aber das Zahn-Harnack-System für Studien- und Prüfungsorganisation erwarten würde, liegt weit daneben. Häuser mögen Grimm-Zentrum, Böckhhaus oder Hegelbau heißen. An die Erstimmatrikulierte wird schlicht mit ihrem Vornamen gedacht: Agnes.
Es mag sich um eine historische Fußnote handeln. Aber die Modularisierung hat das Studium zu einem gigantischen Lern- und Prüfungsapparat aufgebläht und macht Lebensumstände wie Arbeit, Kinder, Krankheiten, selbstbestimmtes Studium oder auch Freizeit zum Ausschlusskriterium. Vor diesem Hintergrund erscheint es sehr passend, dass das Prüfungssystem AGNES genau so heißt wie der Evaluationsbericht des BKA-Referat KI 15: "Auswirkungen gesetzlicher Neuregelungen auf die Ermittlungspraxis der Strafverfolgungsbehörden" (kurz: AGNES)
Wir könnten, wir sollten aus der Geschichte lernen, mag sein. Die Zukunft beginnt jetzt, in Modul 2a mit Anwesenheitspflicht. Guten Tag.
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