Donnerstag, Juli 15, 2010

Rücktritt von Rolf Emmermann als Vorsitzender des Kuratoriums und der Findungskommission der HU gefordert

Presseerklärung vom 1.6.2010:

Rücktritt des Kuratoriumsvorsitzenden als gleichzeitiger Chef der Findungskommission der HU gefordert:
Wahlverfahren für Vizepräsiden Haushalt/Personal/Technik demokratieunwürdig!

Wie heute bekannt wurde, haben sich die Findungskommission und das Kuratorium der Humboldt-Universität zu Berlin im Findungsverfahren für den Posten der Vizepräsidentin bzw. des Vizepräsidenten für Haushalt, Personal und Technik auf Frau Dr. Ulrike Gutheil geeinigt.
Sie wurde dem Konzil als einzige Kandidatin zur Wahl vorgeschlagen.

Silvia Gruß, Statusgruppensprecherin der Studierenden in der akademischen Selbstverwaltung und Mitglied der Liste Unabhängiger Studierender (LuSt), ist mächtig sauer über das Findungsverfahren:
"Es hat nur zwei Sitzungen gegeben: die konstituierende und die Entscheidungssitzung. Ich kann nicht glauben, dass es keine qualifizierten Bewerbungen gegeben hat, so dass auf die Anhörung anderer Interessentinnen gänzlich verzichtet wurde. Ich frage mich, ob es ein historisches Erbe des Einparteienstaates ist, dass an der Humboldt-Uni bei Personalentscheidungen von den Gremien nur Zustimmung zu Einzelkandidaten abverlangt werden und kein Auswahl unter mehreren Bewerberinnen ermöglicht wird."

Auch die vorgeschlagene Kandidatin ist aus Sicht der studentischen Mitglieder in den Gremien nicht wählbar. Als derzeitige Kanzlerin der Technischen Hochschule Berlin war sie u.a. wegen des Verdachts der Untreue in die Schlagzeilen geraten.
Auch wenn das Verfahren niedergeschlagen wurde, beschreiben TU-Vertreter_innen ihre bisherige Tätigkeit als: "Feige, wenn es drauf ankommt, ansonsten weiß sie für sich zu sorgen."

Tobias Rossmann von der Liste Offene Linke an der HU problematisiert vor allem ihre Rolle bei der Einführung eines neuen Raumbewirtschaftungssystems nach dem so genannten Mieter-Vermieter-Modell: "Als Kanzlerin der TU hat sie sich für die sofortige Einführung des umstrittenen und noch nicht fertig entwickelten Kostenrechnungsmodells eingesetzt und damit bewusst gegen den Kurs der HU.
Damit hat sie sich beim Personal der HU unmöglich gemacht."

Ergebnis und Verfahren erregen derzeit erheblichen Unmut an der HU. Besonders die Rolle des Kuratoriumsvorsitzenden Rolf Emmermann, der als gleichzeitiger Vorsitzender der Findungskommission und Personalchef der Hochschulleitung für dessen ordnungsgemäßen Ablauf verantwortlich ist, wird kritisiert. "Wenn er den Anforderungen des Amtes nicht gewachsen und ihm die erklärte Bitte der Universität nach einer echten Auswahl egal ist, soll er sein Talent bei der Organisation von Mehrheiten doch woanders ausleben.", erklärt der
Referent für Hochschulpolitik im RefRat der HU, Gerrit Aust.

Kontakt: http://hu-berlin.blogspot.com ;
http://www.offene-linke.de ;
http://www2.hu-berlin.de/offene-linke/gremien/index.html
http://lusthu.wordpress.com ;

---------------------------------------------------------------

Nachfolgend ausgewählte Links zu aktueller Presse und Infos zur Kandidatin:
http://www.tu-berlin.de/menue/einrichtungen/praesidium/kanzlerin
http://www.tagesspiegel.de/wissen/praesident-der-tu-berlin-unter-druck/1182268.html
http://www.tagesspiegel.de/wissen/humboldt-stellt-sich-hinter-olbertz/1849808.html
http://www.tagesspiegel.de/wissen/tu-kanzlerin-soll-ins-praesidium/1849308.html

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Labels: , , , , , , ,

Mittwoch, Oktober 14, 2009

Jubel, Trubel, Heiserkeit

Die HU feiert sich selbst aus Anlass des 200jährigen Bestehens einer Universität in Berlin.
Hier ist das Grußwort von Silvia Gruß, Vertreterin der Studierendenschaft, anlässlich des Festaktes am Montag dem 12.10.2009:


Guten Tag und HHHHUUUUUU200!

Nanu werden Sie denken, was macht denn hier eine junge Frau auf der Bühne?! Die bringt weder Blumen oder Sekt, noch sagt sie den nächsten Programmpunktan an, nein sie will richtig reden - zu allen. Höchst verdächtig werden Sie denken: Obliegt diese Aufgaben zu Jubiläumsfeierlichkeiten nicht eher respektablen, weitgereisten, älteren Herren mit einer ehrfurchterregenden Sammlung akademischer Leistungs- und Ehrentitel? Vielleicht werden sie noch mal auf Ihr Programm schielen und feststellen - ja, wir sind noch immer bei den Grußworten. Wohlan: Es grüßt Sie Silvia Gruß stellvertretend für die größte Mitgliedergruppe der Universität – Also, schöne Grüße von den Studierenden!

Diese HU200 kommt mir als schöne Tradition schon ein wenig komisch vor - an der altehrwürdigen Alma Mater Berlolinensis von 1810 hatten ja Frauen - genauso wie Juden, totz ihrer enormen Bedeutung für das kulurelle und bildungsbürgerliche Leben dieser Stadt - nichts zu suchen.
Indem ich hier stehe und Sie begrüße, kann ich schon nicht in der Tradition der preußischen Bildungsinstitution von 1810 stehen. Frauen wurden an der Berliner Universität nämlich erst 1909 zum Studium zugelassen. Für hartnäckige Kritiker des Frauenstudiums bedeutete dies gewiss den Untergang der Ordinarienuniversität. Ich begrüße Sie daher zur HU100.

Sie sehen schon, wir werden immer jünger und das soll das Ende nicht sein, denn habilitieren durften Frauen erst 1919 - also HU90. Bevor jedoch eine Frau auf einen Lehrstuhl berufen werden konnte, musste schon der Krieg verloren und die Kommunisten in den Magistrat der Stadt eingezogen sein. Wir schreiben das Jahr 1946 - nicht lange und die Berliner Universität wird sich, nicht zuletzt auch durch repressive Ausscheidung, an den gegensätzlichen Interessenlagen und Wissenschaftserwartungen des heraufziehenden Kalten Krieges in eine "freie" und eine "antifaschistische" Universität spalten. Der in der sowjetischen Besatzungszone verbliebene Teil versuchte nun an Traditionen anzuknüpfen, die als Wegbereiter und positiv konnontierbares "Erbe" gleichermaßen dienen können. Die von wissenschaftlichem Fortschrittsglauben und libertärem Reformgeist inspirierten Bürgerkinder mit dem Adelstitel von Humboldt kamen da als Namenspatronen gerade recht - auch weil sie nie ordentliche Mitglieder der untergegangenen Universität hatten werden dürfen. Zu sehen an den Standplätzen ihrer Denkmäler vor dem Zaun der Universität - wohlgemerkt VOR dem Zaun! Willkommen an der HU60!

60 Jahre sind doch auch eine lange Zeit, immerhin drei bis vier Lehrstuhl- und ca. 12 StudentInnengenerationen. Ob die so genannte Humboldt-Universität noch antifaschistisch ist? Nunja, als Verfasste Studierendenschaft geben wir uns jedenfalls Mühe - gelernt vor allem aus der Verantwortung für die eigene Geschichte.

Frei von Diskriminierung ist die Uni heute noch immer nicht. Das ist nicht allein ihr Verschulden. Soziale Umwälzungsprojekte wie ArbeiterInnen- und Bauernfakultäten gibt es nicht mehr, es herrscht der Numerus clausus der Besten - überwiegend aus besseren Haushalten. MigrantInnen DÜRFEN in den meisten Fällen schon aus ausländerrechtlichen Gründen nicht studieren, obwohl sie könnten und wollten und sollten. Diskriminierung ist aber auch hausgemacht. Sie kommt noch oft genug in der Lehre und Forschung vor - damit meine ich nicht nur bei Prüfungs- und Auswahlentscheidungen, nicht selten sind es die Inhalte selbst, die strukturell diskriminierende Denksysteme unreflektiert fortschreiben.

Slogans ausgegeben, wie "Auf die Köpfe kommt es an" schlagen in die gleiche Kerbe. Die Lebens-, Arbeits-, Beschäftigungs- und Studienbedingungen der Menschen geraten aus dem Blick. Diskriminierung findet aber auch statt, wenn die Aufbau- und Arbeitsleistung von MitarbeiterInnen in Abrede gestellt werden, die schon ihr gesamtes Berufsleben in dieser Hochschule verbracht haben. So geschehen als der Universitätspräsident zum gnadenvoll verpatzten Exzellenzwettbewerb erklärte: Es sei kein Wunder, dass die Voraussetzungen an der FU besser seien, schließlich musste nach der Wende an der HU alles neu erschaffen werden. Willkommen zu HU20.

Einen Präsidenten gibts hier übrigens erst, seit dem sich die Akademische Selbstverwaltung der Universität auf der Grundlage einer Erprobungsklausel im Hochschulgesetz eine eigene Verfassung gegeben hat. Hier hätte die historische Möglichkeit bestanden, allem Standesdünkel zum Trotz, durch die Einführung der Viertelparität in dem für die Wahl der Hochschulleitung zuständigen Organ, die umgedrehte Repräsentationspyramide einer im Kern noch immer ordinär ordinarienhaften Universität zumindest rechnerisch zu überwinden. Dafür fehlten jedoch zwei Stimmen - willkommen zu HU10.

Schon damals, nur neun Jahre nach ihrer Gründung wurde den Studierenden klar vorgeschrieben, was studiert werden dürfe und was nicht. In Folge der Karlsbader Beschlüsse herrschte ein repressiv-antiliberales Universitätsgesetz, mit dem die Studierenden diszipliniert, kontrolliert und auf die Ausbildung zu Kirchen- und Staatsbediensteten reduziert werden sollte. Die Ministerialbürokratie führte erstmalig verbindliche Studienordnungen ein. Heute geht ein Gespenst Namens Bologna um. Die alten Diplom- und Magisterordnungen wurden aus dem Curriculum gefegt. Die eingeführten BA-/MA-Abschlüsse haben für den Wunsch nach einem freien und selbstbestimmten Studium die gleiche Wirkung entfalten können wie die Karlsbader Beschlüsse für die Vision von gleichen Bürgerrechten. Nur ist Bologna weitaus effektiver: Studierendenvereinigungen müssen nicht verboten werden, um ihre Tätigkeiten und studentisches Interesse an allen möglichen gesellschaftlichen und fachlichen Fragen unmöglich zu machen. Ein hoher "Workload", Anwesenheitspflichten, Literaturlisten, prüfungsvorbereitende Studiennachweisleistungen und übervolle Stundenpläne reichen völlig aus. Ausgebildet wird freilich nicht mehr vorrangig für Staat und Kirchen... das Bildungsproletariat von morgen grüßt die ArbeitgeberInnen - vielleicht haben sie ja noch einen Praktikumsplatz für den einen oder die andere? Willkommen an der HU6!

So viel Jubiläum war lange nicht. Zur Einführung des Frauenstudiums hat sich die HU übrigens im letzten Jahr etwas ganz besonderes überlegt: eine würdigende Widmung. Da Häuser gerade keine neuen Namen brauchten, wurde das virtuelle Prüfungssystem der Universität nach der ersten immatrikulierten Studentin benannt. Warum auch nicht - die Erstimmatrikulierte war immerhin Pädagogin. Wer nun aber das Zahn-Harnack-System für Studien- und Prüfungsorganisation erwarten würde, liegt weit daneben. Häuser mögen Grimm-Zentrum, Böckhhaus oder Hegelbau heißen. An die Erstimmatrikulierte wird schlicht mit ihrem Vornamen gedacht: Agnes.

Es mag sich um eine historische Fußnote handeln. Aber die Modularisierung hat das Studium zu einem gigantischen Lern- und Prüfungsapparat aufgebläht und macht Lebensumstände wie Arbeit, Kinder, Krankheiten, selbstbestimmtes Studium oder auch Freizeit zum Ausschlusskriterium. Vor diesem Hintergrund erscheint es sehr passend, dass das Prüfungssystem AGNES genau so heißt wie der Evaluationsbericht des BKA-Referat KI 15: "Auswirkungen gesetzlicher Neuregelungen auf die Ermittlungspraxis der Strafverfolgungsbehörden" (kurz: AGNES)

Wir könnten, wir sollten aus der Geschichte lernen, mag sein. Die Zukunft beginnt jetzt, in Modul 2a mit Anwesenheitspflicht. Guten Tag.

Labels: