Wer ist hier eigentlich der Umfaller?
Was war das für ein aufregender Tag. Was gab es nicht alles für Szenarien an allen Tischen, über Statusgruppen und politische Konfliktlinien hinweg. HU-Präsident Olbertz wollte seine Fakultätenrefom, konnte aber eigentlich nicht begründen, warum. Eine handvoll Professor_innen träumten bei diesem Stichwort offenbar vom Traumzauberland mit budgetsouveränen Fakultäten unter der Regierung professioneller Dekan_innen mit Lehrbefreiung und Drittmittelflattrate völlig jenseits von politischen und rechtlichen Realitäten. Hauptsache beschließen war das Motto, wer Realität und dringende Probleme anmahnte wurde beschimpft, die Sache nur unnötig madig zu machen, wo bleiben die Visionen, wer sich jetzt nicht rührt, wird überrannt…
Und alle drei Jahre grüßt das Murmeltier
Kennen wir das nicht irgendwoher: Wende, Neoliberaler Turn, BA-/MA-Einführung, Exzellenzinitiative? Immer war es die gleiche Leier und immer wieder blieben Realitätsgespühr und Verantwortungsbewusstsein auf der Strecke. Wer hoch hinaus will, muss eben auch über Leichen steigen können. Nun denn, ein weiteres Kapitel HU-Größenwahn konnte heute im Akademischen Senat bestaunt werden: Die Fakultätenreform.
Was bisher geschah
Schon in der letzten Sitzung des Akademischen Senats am letzten Dienstag fand der Entwurf des Präsidiums keine Zustimmung in den Statusgruppen der wissenschaftlichen und studentischen Mitglieder. Nur mit knapper Mehrheit der Hochschullehrer*innen konnte Präsident Olbertz seine Pläne durchbringen. Dann aber legten die Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen ein Gruppenveto gegen den Reformbeschluss ein und Präsident Olbertz reagierte wie ein kleines Kind, dem jemand den Lolli weggenommen hat, weil die Eigentumsverhältnisse daran nicht hinreichend geklärt seien: Tränen rannen ihm übers Gesicht und er bat darum, dass jemand anderes weitermoderieren solle, er schaffe das jetzt nicht mehr. Dabei war ein solcher Schritt weder überraschend noch außergewöhnlich. Vielmehr stellt er ein Recht der AS-Mitglieder dar und ist damit fester Bestandteil des Gremienprozedere, das jede*r in der
Verfassung der HU nachlesen kann.
Wahrscheinlich deswegen wurde das Ergebnis der Vermittlungskommission gar nicht erst abgewartet, die nunmehr einen Kompromissvorschlag erarbeiten sollte, sondern eilig für den gestrigen Donnerstag eine weitere Sondersitzung des Akademischen Senats angesetzt, um das Gruppenveto möglichst ohne weitere Zugeständnisse aus der Welt zu stimmen.
Breaking News
[Thu, 05 Dec 2013 12:15:30 ]
Olbertz hat gerade im AS nach Veto der Studis gegen Fakultätsreform seinen Rücktritt erklärt, sieht sich außer Stande, die Reform anders noch durchzubringen.
[Thu, 05 Dec 2013 13:10:11]
Nachdem die Studierenden ihr Veto zurückgezogen haben, hat Olbertz nach längerer Erklärung über Veranwortung und seinen Handlungsspielraum, Missverständnis über Nicht-Ernstnehmen seiner mehrmaligen Ankündigung des Rücktritts im Falle der Ablehnung gegen die Fakultätsreform: seinen Rücktritt zurückgenommen. Die ganzen Profs sind aufgestanden und haben geklatscht, viele andere auch.
»Ein Präsident tritt nicht jede Woche zurück.«
Offizielle Verarbeitung des Medienereignisses
[Thu, 05 Dec 2013 18:11:50]
Sprecher der Humboldt-Universität zu Berlin | Leiter Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:
»Liebe Studentinnen und Studenten,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Professorinnen und Professoren,
der Akademische Senat der Humboldt-Universität hat heute in seiner
Sitzung dafür gestimmt, dass die Fakultätsreform ab sofort umgesetzt wird.
Die Entscheidung kam unter dramatischen Umständen zustande: HU-Präsident
Jan-Hendrik Olbertz kündigte seinen Rücktritt an. Er tat dies, nachdem
alle Vertreter der Gruppe der Studierenden mit Nein gestimmt und ihr
Recht auf ein Gruppenveto wahrgenommen hatten.
Die Gruppe der Professoren bat daraufhin Jan-Hendrik Olbertz und die
Studierenden, die Rücktrittsankündigung sowie das Veto zurückzuziehen.
Nach einer Pause mit Gesprächen unter den Gruppen und Mitgliedern des
Akademischen Senats erklärten die Studierenden, dass sie ihren Antrag
zurückziehen, wenn Herr Olbertz seine Rücktrittsankündigung ebenfalls
zurückzieht. Ein Studierendenvertreter sagte: „Wir hoffen, mit Respekt
und demokratischen Mitteln weiterarbeiten zu können“.
Jan-Hendrik Olbertz sagte: „Ich nehme die Erklärung der Studierenden an
und ziehe meine Rücktrittsankündigung zurück. Ich möchte all denjenigen
danken, die daran geglaubt und sich seit Monaten dafür eingesetzt haben,
dass dieses große Reformprojekt gelingt. Vor allem ihnen bin ich etwas
schuldig und mache deswegen weiter.“
Viele Grüße
Hans-Christoph Keller
«
Was für ein Medienereignis. Die Psychologie von Gremienentscheidungsproduktionen ist spannender als jedes Drehbuch. Aber wer immer gewohnt ist, im Regen zu stehen, wenn er mal voll Verve den eigene Job gekündigt hat, der ist eigentlich anderes gewohnt und ahnt, dass an der HU offenbar die Uhren anders ticken.
Wer ist jetzt eigentlich umgefallen?
Offenbar ist da der gelernte Hortner mit Olbertz durchgegangen und
er hat bockig so lange rumgeheult bis den Kindern ihre kindliche
Rolle genommen war und von ihnen ein ad hoc Erwachsenspielen
abgenötigt wurde. Das ist auch eine Frage des Respekts vor den
Gremien und den Menschen darin, dass ein Universitätspräsident mit
den Entscheidungen seiner Gremien leben kann und nicht die Leute,
die gute Gründe haben und auch vortragen können, warum sie gegen
eine Entscheidung stimmen, zu Verantwortlichen des eigenen Elends
stilisiert, in das er sich ganz allein und ohne Not manövriert
hat. Mit dieser (Nicht-)Entscheidung hat Olbertz nichts gewonnen:
Er ist unglaubwürdig und "gekauft".
Angesichts der Tatsache, dass die Mehrzahl der Beschlusspunkte in
der ein oder anderen Weise rechtswidrig oder jedenfalls nicht
selbstvollziehend ist, sondern bloße politische Absichtserklärung
bleiben, hat er in der Sache kaum mehr als heiße Luft produziert.
Der Preis dafür ist seine Erpressbarkeit, denn durch sein
emotionales Aus-der-Rolle-Fallen hat Olbertz seinen
professionellen Habitus endgültig verloren und ist auch sein
Verbleib an der Uni nur studentischen Gnaden geschuldet. Während
sich die studentischen Vertreter am Ende dieses ergreifenden Tages
erwachsen, diplomatisch und konziliant verhalten haben, hat es
Olbertz also geschafft, dass die Profen, indem sie ihm huldigten,
Gedeih und Verderb der Universität dem studentischen Votum
geopfert haben – so viel Autonomie geben die
Spectabilis und
Honorabilis sonst freiwillig nicht so schnell auf.
Leider werden
sie sich schon ganz bald nicht mehr daran erinnern und die
studentischen Argumente wieder als die störenden Rufe vom
Kinderspielplatz abtun. Aber dennoch wird sie dieses Erlebnis
nicht weniger geprägt haben als die Besetzung der Uni durch
streikende Studierende, denn sie haben sich einmal so richtig
ohnmächtig gefühlt und damit lässt sich Politik machen, auch wenn
es gerade nicht danach aussieht.
Der Kampf geht weiter.
Labels: Akademischer Senat, Fakultätenreform, Leistungsträger, Ministerpräsident